In der entwicklungspolitischen Definition gilt Brasilien als Schwellenland;
es zählt zur Ländergruppe mit mittlerem Einkommen der oberen Kategorie.
Die Größe der brasilianischen Volkswirtschaft, der Reichtum an Bodenschätzen,
der Reichtum an Land schlechthin, die Ausweitung der Produktion durch neue Produkte und der hohe Grad der Industrialisierung des Landes sind Faktoren, die auf eine erfolgreiche Entwicklung hindeuten.

Aber in kaum einem anderen Land sind die Kontraste zwischen Arm und Reich, zwischen moderner Industrialisierung und kolonialfeudalen Landwirtschafts- und Besitzstrukturen so ausgeprägt. Nach Angaben des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen lebt fast die Hälfte der brasilianischen Bevölkerung in absoluter Armut. Bei einer Gesamtbevölkerung von rund 182 Millionen (Mitte 2006) gehört Brasilien zu den Ländern mit der größten absoluten Zahl von in Armut lebenden Menschen. 43,5 Prozent der Menschen fristen ihr Dasein mit einem Einkommen von weniger als zwei US Dollar pro Tag.

Die Lage dieser Menschen unterscheidet sich kaum von derjenigen der Ärmsten in anderen Teilen der Welt. So sind z.B. über eine Million Kinder unter fünf Jahren unterernährt. Die Gesundheits-, Sanitär- und Nahrungsmittelversorgung ist für eine Vielzahl der Bevölkerung mangelhaft und Bildung ist ein Privileg für wenige.
Dazu kommt, dass Schulen schlecht ausgestattet und die Lehrer oft schlecht ausgebildet sind. Es gibt nicht genügend Plätze für alle Kinder im schulpflichtigen Alter. Oft müssen die Kinder vorzeitig die Schule verlassen, um für den Familienunterhalt mitsorgen zu können.

Brasilien ist zwar die achtgrößte Industrienation der Welt, rangiert jedoch gemäss dem Index der menschlichen Entwicklung der UNDP von 2004 (HDI) an 72. Stelle.
Ein Grossteil der Ärmsten Brasiliens lebt in den Elendsvierteln der großen Städte,
in den so genannten Favelas. In diesen herrschen mangelhafte Zustände bei der Infrastruktur, insbesondere in Bezug auf Wasserversorgung und Kanalisation.
Die Bewohner der Favelas sind auf Landgebiet angesiedelt für das sie keinen Rechtstitel besitzen. Da es aber meist ungenutzte und unnutzbare öffentliche Gelände sind – Berghänge, Feuchtgebiete, Lagunen, Müllhalden usw. werden sie nicht vertrieben.

Wo die Ärmsten in keinem so großen Abstand zu den Privilegierten mit angenehmen Lebensbedingungen leben, wachsen die gesellschaftlichen Spannungsfelder und Konflikte. Die Strassen der großen Städte wie Recife oder Rio de Janeiro werden zunehmend zum Schauplatz von Konfrontationen zwischen Arm und Reich.
Wer seinen Lebensunterhalt nicht als Zeitungs- oder Lotterieverkäufer, Schuhputzer, Bewacher parkender Autos oder sonst wie verdienen kann, verschafft sich sein Geld oft auf illegale Weise. Auch in den Elendsvierteln selbst ist meist kein Platz für Solidarität – es herrschen dort eigene Gesetze, nach denen jeder auf sich selbst gestellt ist, wenn die Existenz des anderen die eigene gefährdet.


Die extreme Wohndichte und räumliche Enge in den Armenvierteln, verknüpft mit extremen Existenzproblemen sowie innerfamiliärer Gewalt und Zerrüttung macht die Situation gerade für Kinder und Jugendliche noch gravierender.
Dies ist auch der Grund für die immer mehr wachsende Zahl der Kinder auf den Strassen. Diese steigende Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die auf der Strasse arbeiten oder sogar gänzlich dort leben, ist eines der dringendsten Entwicklungs-probleme weltweit, vor allem aber in den klassischen Straßenkinderländern Lateinamerikas. Allein in Brasilien leben heute schätzungsweise weit mehr als 10 Millionen Straßenkinder. Neben Hunger, Unterernährung und Krankheit trägt wohl nichts so sehr zum Verlust menschlichen Entwicklungspotentials bei, wie eine Kindheit und Jugend, die außerhalb der Institutionen von Familie und Bildung im meist feindlichen Umfeld der Strasse verbracht wird.
Die überwiegende Mehrzahl ist jedoch nur scheinbar sich selbst überlassen
– die Strasse ist lediglich ihr Arbeitsplatz oder – aus Mangel an gut betreuten, bezahlbaren Kindergärten und Jugendzentren – ihr Aufenthaltsort, während die Eltern (häufig alleinerziehende Mütter) einer Erwerbstätigkeit nachgehen.
Meninos na rua – Kinder der Strasse werden sie genannt.
Während die echten Straßenkinder Menions da rua – meist keine familiären Bindungen mehr haben und so gänzlich auf der Strasse leben und dann auch dort übernachten.
Die größte Anzahl der Kinder sind jedoch die Kinder, die in absoluter Armut leben. Sie wachsen in einem höchst unterprivilegierten sozialen Umfeld auf. Bei diesen Kindern fehlen selbst die Mittel für die Grundbedürfnisse.

Die Behausungen in Brasiliens armen Regionen sind meist Provisorien mit Fußböden aus festgestampfter Erde. Eine gesicherte hygienische Grundversorgung wie Latrinen, sauberes Trinkwasser oder Müllentsorgung fehlen. So haben auf dem Land nur 53 Prozent Zugang zu sauberem Trinkwasser und 43 Prozent Zugang zu sanitären Anlagen.



Die schlechten Wohn- und Lebensverhältnisse begünstigen das Ausbreiten vieler vermeidbarer Krankheiten. Elterliche Aufsicht erhalten sie meist gar nicht oder nur ungenügend, weil die Mütter (meist ist nur ein Elternteil vorhanden) zum Gelderwerb irgendeiner Arbeit nachgehen müssen und wegen nicht vorhandener Tagesstätten die Kinder, auch sehr kleine, sich selbst überlassen sind. Dadurch sind sie einem hohen Risiko ausgesetzt, bald ein Leben auf der Strasse zu beginnen. Ein weiterer Schritt ist, dass die Kinder von der frühesten Kindheit an für sich selbst aufkommen oder gar zum Familieneinkommen beitragen müssen. So werden sie zu Meninos na rua . Sie arbeiten als Schuhputzer, als Verkäufer von Süßigkeiten, Losen, Zeitungen, sie putzen die Scheiben der im Stau stehenden Autos, führen kleine Kunststücke vor, et cetera.
Um den meist mageren Tagesverdienst aufzubessern, wird auch gebettelt und wenn dies nichts hilft, gestohlen. Häufig verbringen die Kinder die Nächte auf der Strasse. Entweder ist der Arbeitstag zu lang und der Weg nach Hause zu weit, oder es fehlt das Fahrgeld.
Bei den Meninos da rua handelt es sich entweder um Waisen oder aber um Kinder die von Ihren Eltern verlassen oder verstoßen wurden. Aber meist sind es Kinder, die von zu Hause weggelaufen sind. Die Strasse ist in diesem Fall nicht nur ihr Arbeitsplatz, sondern auch ihre Heimat.

Sie erkaufen sich Duldung durch Prostitution, durch Diebstahl-Auftragsleistungen, oder durch Abgabe eines Teils ihres Verdienstes oder ihrer Beute. Jederzeit können sie an ihre Illegalität erinnert, vertrieben, misshandelt und sogar getötet werden.


Die großen Städte Lateinamerikas sind voll obdachloser Menschen, die den trockenen ländlichen Regionen entfliehen mussten, weil dort kein Überleben mehr möglich war. Doch in den überfüllten Städten ist der Lebensraum knapp, und die Vorstellung, eine Behausung in den Elendsvierteln sei mietfrei, ist falsch. Es gibt auch dort eine Schicht, die den zur Verfügung stehenden Raum beherrscht und abkassiert. Viele Menschen dort können sich daher nicht einmal eine Bretterbude leisten.
Auf der Straße wird man nicht alt. Wer nicht der Gewalt zum Opfer fällt, wird krank. Todesursache Nummer 1 ist die Lungenentzündung. Durch Mangel- und Fehlernährung geschwächt sterben bereits viele Kleinkinder einen leidvollen Tod. Auch Haut- oder Darmkrankheiten sind häufig.
In erster Linie gilt es Kindertagesstätten sowie Bildungseinrichtungen und Gesundheitsdienste für Kinder und Jugendliche zu schaffen.

Doch aus diesem Kreislauf herauszukommen, ist alleine fast unmöglich.
Daher brauchen diese Kinder unsere Hilfe!